Köln. Verschiebung und Verdichtung phallischer Macht

9.1.2016. Die Polizeiforscherin Rita Steffes-enn führt auf watson.ch aus, dass die sexuelle Belästigung in der Silversternacht in Köln als Strategie eingesetzt wurde, um die Diebstähle zu realisieren. Also, die phallische Macht wurde mit Absicht benutzt, um an die Handys und Wertsachen zu kommen. Der männliche Lustgewinn war dabei nur ein Bonus. Ich finde ihre Argumentation recht überzeugend. Wenn sich das in den Ermittlungen der Polizei erhärtet, dann haben wir es a) mit organisierter Kriminalität zu tun, bei der sexuelle Gewalt gegen Frauen bewusst eingesetzt wird, und b) ist dann mein Vergleich hier mit dem Oktoberfest insofern hinfällig. Aber auch die gesamte Debatte ist damit besides the point. Die Leiden der Opfer werden dadurch allerdings nicht weniger.

8.1.2016. Eigentlich wollte ich mit einer Stellungnahme zur exzessiven Gewalt gegen Frauen in der Silvesternacht in Köln warten, bis es mehr und genauere Informationen über die Herkunft der Täter gibt. Waren das Flüchtlinge? Männer nordafrikanischer Herkunft (Marokko, Tunesien – also nicht Syrien)? Stark alkoholisierte Moslems (!)? Polizei bekannte Intensivtäter und trotzdem Flüchtlinge, die erst vor kurzem nach Deutschland gekommen waren? Bei diesen kolportierten Zuschreibungen passt eigentlich nichts zusammen, zudem wird noch weiter ermittelt. Doch gerade die Wucht der öffentlichen Bilder und Berichte  zwingt diejenigen dazu, sich zu äußern, die in ihrer wissenschaftlichen Arbeit die verschiedenen Facetten von Rassismus analysieren und die sich in ihrer politischen Arbeit gegen Rassismus wenden und sich für Flüchtlinge engagieren. Zu diesen Menschen gehöre ich. Denn aus dem Gewaltexzess gegen Frauen wird ein politischer Schluss gezogen: Zuwanderung beenden! tönt es von vielen Seiten. Und man habe es ja sowieso gewusst: Die fremden Männer seien sowohl besonders aggressiv als auch besonders triebgesteuert.   

Gewalt gegen Frauen – egal ob sexualisiert wie dies in Köln der Fall war, oder nicht-sexuell konnotiert – ist ein Verbrechen. Sexuelle Gewalt gegen Frauen aus einer Gruppe von Männern heraus (wie viele waren es eigentlich? 10?, 50? 100?) an einem öffentlichen Ort degradiert die Frauen zudem öffentlich als Objekte männlicher Lust und Macht. Diese Erniedrigung wird coram publico inszeniert, sie wird für viele sichtbar: ein Exzess phallischer Macht, wie er bei öffentlichen Feierlichkeiten ausbrechen kann, etwa auf dem Oktoberfest, an Fastnacht oder bei Zeltfesten – das hat meiner Meinung nach in der Silvesternacht in Köln stattgefunden. Solche  Exzesse sind aber nicht das typische Merkmal einer bestimmten Religion oder einer regionalen Kultur, sondern sie sind Ausdruck einer faschistischen Männlichkeit. Die Erniedrigung und Geringschätzung der Frau und ihre gleichzeitige Erhöhung (die Männerfantasien von der Hure und der Heiligen, so Klaus Theweleit) formen eine gewaltsame Besessenheit gegen den weiblichen Körper. Der faschistische Mann ist mit dem Nationalsozialismus keinesfalls verschwunden. Und er muss auch keinen deutschen Pass bei sich tragen.

Was nun in unserer medialen und Social-Media Welt in diesen Tagen vor sich geht, ist eine Verschiebung und Verdichtung hin zu einer bestimmten regionalen Kultur und Religion. „Der“, „arabische“, „islamische“ Mann würde diese faschistische Männlichkeit wieder nach Europa bringen, sie praktisch Re-Importieren. Er brächte eine Männlichkeit mit, von der sich die deutschen Männer längst emanzipiert hätten. In der Rassismusforschung ist diese Technik seit langem bekannt und analysiert. In rassistischen Redeweisen werden die eigenen negativen Eigenschaften abgeschoben und den sogenannten „Fremden“ angehängt. In einem Zug wäscht man sich selber rein, und macht den anderen schmutzig. Genau diese rassistische Umdrehung passiert gerade. Das bayrische Oktoberfest, bei dem etwa 2012 die Frauennothilfe beklagte, sie stoße wegen der vielen sexuellen Übergriffe an die Grenzen ihrer Kapazitäten, mutiert nun zur Kölner Silvesternacht, der Massenaufmarsch der rechtsextremen Hogesa mit einem massiven Gewaltausbruch im Jahr 2014 am Kölner Hauptbahnhof wird von den jüngsten Ereignissen aus der kollektiven Erinnerung verdrängt, und die eigenen, sexualisierten Gewaltfantasien werden auf die anderen Männer aus dem „anderen Kulturkreis“ projiziert.

Rassismus bedient sich dabei auch der bewussten Manipulation, besonders in der leichtgläubigen Welt der sozialen Medien zirkuliert die rassistische Propaganda ultraschnell und emotional wirksam. In den vergangenen Tagen habe ich in den sozialen Medien mehrfach folgendes Bild gesehen:

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Social-Media Hetze: Quelle: mimikama.at

Es sollte beweisen, dass in Köln Flüchtlinge die Täter gewesen sind. „Das Bild sagt mehr als 1000 Worte“, so lautet der erläuternde Text. Wie mimikama.at aufgezeigt hat, ist dies eine plumpe Fälschung. Denn das Foto ist weder in Köln noch in der Silvesternacht aufgenommen worden, sondern im September 2015 am Budapester Bahnhof. Es zeigt einen Streit von Migranten am Rande einer Demonstration, auf der diese die Weiterreise verlangt haben. Und die Person in der Mitte, die wie eine Frau erscheinen mag, ist ein Mann mit langen Haaren. Auf der emotionalen Ebene wirkt dieses Foto sofort, es verbreitet Angst und schürt Panik. „Seht her, da sind die fremden, bösen Männer sichtbar.“

Patriarchale Muster wirken selbstverständlich in allen patriarchalen Kulturen, und das verbindet die arabische Welt mit der europäischen, das verbindet auch die katholische Welt mit der islamischen, wo jeweils Frauen keine segnenden Ämter ausüben dürfen. Und ein deutscher oder ein österreichischer normaler Mann ist genauso in der Lage,  Frauen sexuell zu attackieren, zu begrapschen, zu erniedrigen oder zu vergewaltigen, wie dies ein arabischer oder ein indischer Mann ist. Dabei handelt es sich keineswegs um die Eigenheit einer einzelnen Kultur. So weist die Statistik für Österreich für das Jahr 2014 genau 4216 angezeigte Sexualdelikte in Österreich aus, von den 3511 Tatverdächtigen waren 123 Asylwerber. Mehr als 96 Prozent der Verdächtigen sind also keine Flüchtlinge gewesen. Bei den 1330 angezeigten sexuellen Belästigungen in Österreich waren von 834 Tatverdächtigen 39 Asylwerber. Auch hier haben rund 95% der Verdächtigen keinen Flüchtlingsstatus.

Von daher sind die – vielleicht gut gemeinten – Ratschläge an Frauen, wie sie sich angesichts der vielen fremden Männer im Land zu verhalten haben, Teil des Problems. Sie verstärken den rassistischen Furor. Die Adressaten der Ratschläge sollten vielmehr alle Männer sein: Ihren Selbstentwurf als Mann in dieser Welt – und damit auch ihr Frauenbild zu ändern sowie patriarchale Machtstrukturen in ihren Ländern und Kulturen zu hinterfragen.


 

P.S.:  Testosteronüberhang bei Flüchtlingen. Im Oktober 2015 habe ich als Studiogast eine Puls4-Diskussionssendung vor Ort gesehen. Eingeladen war Gregor Gysi, und an der Diskussionsrunde zu Themen europäischer Politik nahm auch die Wissenschaftlerin Karin Kneissl teil. Sie wurde aus dem Publikum heraus auf ihre These angesprochen, dass der Testosteronüberschuss der jungen Männer, die nach Europa kämen, ein Problem darstellen würde. Wie in dem Video der Sendung nachverfolgt werden kann, kam diese Frage von einem jungen Mann, der ein bekannter neurechter Identitärer in Österreich ist. In einem Pressekommentar vom 3. Oktober 2015 hatte Kneissl kurz zuvor wie folgt argumentiert:

Ein inneres Zusammenwirken zwischen Testosteron und Status haben Mediziner in zahlreichen Studien immer wieder bestätigt. Unabhängig von der Sicht auf das Testosteron – ob negativ als das „Hormon für Aggression und Dominanz“ oder eher positiv als das „Hormon der Fürsorge und Verantwortung“ – es geht stets um Status. Und es sind nicht zuletzt wiederum die Frauen, die Männer mit bestimmtem Status beziehungsweise potenziell erfolgreichem Lebensweg auswählen, um ihre Nachkommenschaft versorgt zu wissen.“

Das Testosteron-Argument basiert auf einer komplett biologisierten Weltsicht. Sie bezieht sich folgerichtig im weiteren auch auf die „uralten, von der Evolution vorgegebenen Rollenbilder“, denen die jungen Männer aus Syrien anhängen würden, weshalb sie auch „ihre Sippe“ nachholen würden. Projiziert wird hier, dass es in Syrien noch ein völlig funktionierendes Patriarchat geben würde, während im Westen Europas die Frauenemanzipation und der Liberalismus die evolutionär vorgegebenen Rollenbilder zerstört seien.

Das Argument der ungezügelten Sexualität war von den neurechten Intellektuellen schon vorbereitet worden, Kneissls Buch zu dem Topos erschien bereits 2012. Der neurechte Thomas Schmid war kurz bereits Anfang der Woche mit einem entsprechenden Beitrag online.

 

Freizügigkeit ist ein Menschenrecht: Die Charta von Palermo

Nachdem von konservativer und rechtspopulistischer Seite sogar die Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union beschränkt werden soll, möchte ich das genaue Gegenteil vorschlagen: Ausweitung der Freizügigkeit über die Grenzen der EU hinaus.

Sizilien liegt im Mittelmeer. Es ist daher eines der Ziele von Schutzsuchenden, die nach Europa kommen wollen. Nach Europa, oder irgendwo anders hin. Wo sie leben können, wo sie nicht um ihre Existenz fürchten müssen.
Die Hauptstadt Siziliens ist Palermo. Ihr Bürgermeister ist Leoluca Orlando, er ist kein Linker, kein Grüner, sondern ein politisch engagierter Mensch, der gegen die Mafia gekämpft hat, und der pragmatisch und unbürokratisch mit Flüchtlingen umgeht. Als ein Mensch.
Im Jahr 2015 hat er eine Charta mitverfasst und als Bürgermeister Palermos unterzeichnet. Darin wird dafür plädiert, dass weltweit Aufenthaltsgenehmigungen abgeschafft werden und die Freizügigkeit als unveräußerliches Menschenrecht anzuerkennen.
„Kein Mensch hat den Ort, an dem er geboren wird, ausgesucht oder sucht diesen aus; jeder Mensch hat den Anspruch darauf, den Ort, an dem er leben, besser leben oder nicht sterben möchte, frei zu wählen“, so heißt es im ersten Absatz der Charta von Palermo 2015, die Orlando persönlich unterzeichnet hat. Und weiter: „Es ist notwendig zu verhindern, dass die Migrationsnotstände „chronisch“ werden, da sie alle auf eine strukturelle Gegebenheit zurückzuführen sind: die Unmöglichkeit, die Verlagerung von Abermillionen zu blockieren. Die Lösung dieses Notstands … muss in ihrem Wesenskern davon ausgehen, dass sie als zentrales Element den Migranten als Person anerkennen: „Ich bin eine Person.“ Entsprechend ist die Freizügigkeit aller Menschen als unveräußerliches Menschenrecht anzuerkennen.“
Ich unterstütze diesen Vorschlag, Aufenthaltsgenehmigungen generell abzuschaffen, und möchte im folgenden argumentieren, warum. Über die guten Argumente hinaus, die die Charta bereits anführt.
Mein erstes Argument bezieht sich auf die Europäische Union, die dieses Vorschlag laut Charta politisch vertreten sollte. Denn die in ihr geltende Freizügigkeit von Waren und Personen hat die Tür zu einer solchen Initiative geöffnet. Darin lag und liegt auch der Kern der ganzen rechten und rechtsextremen Kritik an der Europäischen Union begründet. Sie fürchten genau diese Freiheit und die Vermischung der Menschen als „Personen“ wie der Teufel das Weihwasser. Auf der Ebene der Geltung der Menschenrechte sehe ich keinen Grund, dass diese auf „EU-BürgerInnen“ beschränkt. Warum haben Menschen aus Ghana, Mexiko oder Usbekistan weniger Rechte als Menschen aus Rom, Athen und Tallinn? Um die Menschenrechtserklärung in Erinnerung zu rufen, die die Geschäftsgrundlage jeglicher Demokratien ist: Der Artikel 3 lautet, dass jeder und jede das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person hat und der Artikel 13 Abs. 2 führt aus, dass jeder und jede das Recht habe, seinen oder ihren Staat zu verlassen. Das Recht auf Freizügigkeit ist daher eine logische, aktuelle Konsequenz aus der Menschenrechtserklärung.

Es gibt keinen substantiellen Unterschied zwischen der Migration in einem Land, innerhalb der EU und zwischen Staaten: Infrastruktur, soziale Zusammensetzung, Kulturen und Mentalitäten verändern sich – und diese Veränderungen finden tagtäglich statt. Wie viele Menschen leben beispielsweise in Wien, die in einem anderen österreichischen Bundesland geboren worden sind? Ihre Migration hat ihre Herkunftsregion ebenso wie die Gestalt der Hauptstadt verändert. Ein Leben ohne Veränderungen durch Migration ist unmöglich, und wir leben es im Grund genommen seit langem, so lautet mein zweites Argument. „To deal with it“ ist eine Hausforderung, das stimmt. Doch ist sie unumgänglich.

Und mein drittes Argument geht auf ein erwartbares Gegenargument ein: Wenn wir die staatliche Kontrolle von Migration aufgeben, dann laden wir doch den Terrorismus förmlich ein. Neben der Tatsache, dass die deutliche Mehrheit der AttentäterInnen in Europa des Jahres 2015 in Europa geboren wurden – also nicht jetzt eingewandert sind und daher keine Objekte eines ’schwachen‘ Migrationsregimes waren – bitte ich, das Gegenargument „Schutz vor Terrorismus“ zu Ende zu denken. Die Angst, die es antreibt, soll also das Triebmittel der Gestaltung unseres Lebens werden. Wir produzieren damit einen permanenten Notstand, in den wir uns einsperren lassen. Somit entstehen in unserem Lebensraum Gesellschaften, die sich mit Zäunen und Mauern abschotten und verschließen. In der Charta von Palermo wird rein pragmatisch argumentiert, dass sich Millionen von MigrantInnen davon nicht werden aufhalten lassen. Auch nicht von der erzeugten Terrorangst. Ich möchte weiter gehen und sagen, dass ich in keiner Gesellschaft der Angst leben möchte, die Mauern und Zäune bauen lässt, um Menschen auszusperren (und logischerweise um die eigene Bevölkerung einzusperren). Das ist nicht erstrebenswert und es hat schon in der DDR nicht funktioniert.

Charta von Palermo:
Presseerklärung italienisch
Die Charta – deutscher Text