Bundespräsidentenwahl: Politik ohne Politik

„Hej Ho, here we go“ – tönt es bei den einen. Bei anderen ist es ein einfacher smiley und der Kommentar „love“. Verbunden mit der Prognose, dass vanderBellen das Match um den Bundespräsidenten eh spielend gewinnt. Andere wiederum gestehen, dass sie „bezaubert“ sind von dem Kandidaten. Oder auch nur seine politische Kommunikation lieben.

So jedenfalls lauten die Reaktionen linker MeinungsführerInnen auf die Kandidatur des ehemaligen Bundessprechers der Grünen, der jetzt als unabhängiger Kandidat antreten möchte, gesponsert und gepowert von der grünen Medienmaschinerie. – Es herrscht auch auf links die Sehnsucht nach einem anderen, guten Politiker vor. Soweit verstehe und teile ich das. Es kann keineswegs so weiter gehen wie bisher. Was ich aber nicht nachvollziehen kann, ist, dass die richtige Antwort auf die rechte und neoliberale Hegemonie in Österreich darin bestehen soll, dass linke PolitikerInnen emanzipatorische Inhalte und demokratischere Formen von Politik bitte gleich an der Garderobe abzugeben haben, bevor sie die politische Bühne betreten. So wird keine Hegemoniekrise herbei geführt, die die Voraussetzung für eine grundlegende Veränderung wäre, sondern so wird das Gegenteil bewirkt: Alles bleibt, wie es ist, nur noch mehr Menschen sind emotional und interessensmäßig „part of the game“.

Kritik als Teil der Inszenierung?

Kritische Stimmen kamen von der Grünen Jugend. Im Standard war zu lesen, dass  sie die parteiinterne Vorgehensweise der Kandidatur sehr skeptisch sehen (es wäre nicht diskutiert und intern nicht abgestimmt worden), außerdem sei er ein „pseudonabhängiger Kandidat“ mit einem Verein im Hintergrund, der praktischerweise gleich seinen Sitz am Rooseveltplatz bei der Bundespartei hat, und drittens, hat man auch am „professoralen Image“ Van der Bellens und seinen „neoliberalen wirtschaftspolitischen Standpunkten“ einiges auszusetzen.

Die Reaktionen auf diese politische (! ) Kritik waren doch eher erschütternd. Kritik sollte bitteschön intern geäußert werden, außerdem trieben dieses Verwirrspiel mit der Pseudo-Unabhängigkeit alle anderen auch, und schließlich sei das eine Personenwahl, bei der politische Inhalte eh nicht so wichtig seien. Wenn das wirklich stimmen würde, dann macht es auch keinen Unterschied, wenn eine FPÖ-Persönlichkeit an die Spitze des Landes kommt, wenn er/sie nur integer wäre und mit sonorer Stimme einige klug klingende Sätze absondert.

Die politische Figur vanderBellen (den ich persönlich mag, damit das auch klar gestellt ist) fungiert offenbar als eine willkommene Projektionsfläche für eine seltsame politische Stimmung in der Linken in Österreich: nach dem anderen Politiker, der aber eigentlich gar nicht so anders ist; nach der anderen Gesellschaft, in der aber jede/jeder die Privilegien und Positionen von früher behalten darf. Nach einer Veränderung, die sich mehr in der symbolischen Politik auswirkt als auf der Ebene der sogenannten Realpolitik. Nach einem Bruch also, der nichts kaputt machen kann.

Seltsam.

Fotocredit: Das Bild zeigt ein Seychellen-Tigerchamäleon Archaius tigris „Calumma tigris-2“ von Hans Stieglitz – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Calumma_tigris-2.jpg#/media/File:Calumma_tigris-2.jpg

 

 

Wie aus dem Märchen: Der gute Patriarch. Der gemäßigte Patriot

Nun wird es auch bei den anderen schnell gehen müssen. Alexander vanderBellen hat seine Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten angekündigt. Sein Bewerbungsvideo gibt einen ersten Einblick in das Design der Kampagne. Die Medienmenschen schneidern ihn zum guten Patriarchen und gemäßigten Patrioten.  Eine kurze Analyse.

Nun. Es ist recht offensichtlich. Auch die versteckten Botschaften dieses Videos springen ins Auge. Österreich soll ein neues Oberhaupt bekommen: väterlich, freundlich jovial – das alles mit einem Augenzwinkern.

Szene 1
Es geht die Rampe am Parlament hoch, vdB wird dabei von hinten gefilmt, mit dem Satz „Österreich liegt mir am Herzen“ spricht der Professor gleich mal die emotionale Seite von Politik an. Begleitet wird er von sich langsam steigernder, ruhiger Klaviermusik.
Nach 15 Sekunden sehen wir sein Gesicht, es ist wie immer unrasiert und die Botschaft soll sein:  Achtung: authentisch!
Szene 2
Er steht vor der Tafel der Menschenrechte: „Jeder Mensch hat das Recht in Frieden und Würde zu leben. Menschenrechte, an die glaube ich.“
Erwartbar folgt der bürgerliche Stehsatz, es gibt aber auch Pflichten, den jeder/jede Jugendliche ich weiß nicht wie oft gehört hat: „Ich glaube aber auch an bestimmte Menschenpflichten“ – die stehen aber nicht an der Tafel -, „darauf zu schauen, dass die Menschenrechte auch in Zukunft garantiert sind“. Jedenfalls gibt ihm, in der Erzählung des Videos, diese Tafel (!) den Auftrag zur Kandidatur.
Szene 3
Dann steht der Mann alleine an der Parlamentsfront und weiß nicht so recht, wohin mit seinen Füßen.
Szene 4
Der Mann geht die Rampe hinunter, in die Stadt, zu den Menschen. Damit wird die Erzählstruktur des Videos an die eines Märchens angenähert, deren einzelne Sequenzen Vladimir Propp Narrateme nennt: Der einsame Held erhält seinen Auftrag (Die heilige Tafel) und geht damit hinaus zu den vielen anderen. Dann erlebt er zahlreiche Abenteuer und muss mit bösen Mächten (Adversanten) kämpfen, für die er Helferlein benötigt (das sind die Adjuvanten). Und diese geht er nun, im Video natürlich, suchen.
Szene 5
Er sucht auf den Straßen und auf einem Markt: „Ich möchte sie einladen mitzutun“, glücklicherweise sind die Helferlein bereits da, sie sind zwar seltsam stumm, und Gespräche werden nur imitiert. Lachende, zustimmende Menschen scheinen die Unterstützung für den Helden zu signalisieren. Natürlich braucht es auch lachende Kinder. Die Zukunft. Herrje! Dann sagt die sonore Stimme auch schon: „mitarbeiten an einer hellen Zukunft – aha, die helle Seite der Macht, er ist ein guter Held, ein guter Held! – „in der wir die Ängste und Sorgen, zugegeben, mit Mut und Zuversicht überwinden.“ Ich hätte ja die dunklen Mächte auch gerne kennen gelernt.

Szene 6
Jetzt ist er wieder alleine, im Wald im Herbst. „Lassen sie uns ein Stück des Weges gemeinsam gehen.“ – wer erkennts? Ja, ein verstecktes Kreisky-Zitat – „lassen sie uns an Österreich glauben“ – hier ein seltsamer Kameraschwenk in den grauen Himmel -„an die Kraft, Schwierigkeiten und Krisen zu meistern.“ Der Sprecher appelliert hier an die gute nationale Vergangenheit: Früher ist uns das noch jedes Mal gelungen.
Szene 7, Achtung: Höhepunkt!
Die Musik steigert sich leicht. Der Sprecher verweist auf die Bundeshymne. „Mutig in die neuen Zeiten!“ Ein nationaler Appell, aber mit einem Lächeln. „Na, gefällt mir!“
Szene 8, Bild wird kurz schwarz, Achtung: Finale!
„Mein Name ist van der Bellen. Ich kandidiere für das Amt des Bundespräsidenten der Republik Österreich. Und bitte Sie um ihr Vertrauen und ihre Unterstützung. Danke!“

Den Wahlkampf  um das höchste politische Amt in Form von Narratemen aus den Zaubermärchen zu erzählen (daher der doch optisch nicht besonders ansprechende kahle Wald im Bild), mag medientechnisch gut sein. Immerhin soll es ja um die Person gehen. Die Person ist so wichtig, und es soll keine Person wie du und ich sein. Dass ein Kandidat wie vdB bewusst die populäre Sehnsucht nach einem guten Führer  des Landes füttert, mag ebenfalls medientechnisch gelungen sein. Politisch ist die Botschaft: Ihr wollt also einen guten Patriarchen? Wir geben ihn euch, und einen gemäßigten Patrioten dazu!

Gibt es dazu wirklich keine Alternative?

Nachtrag 10.1.2016: „Ich bin ein liberaler Politiker mit grüner Vergangenheit.“ vdB auf seiner Pressekonferenz.

Fotocredit: Still aus dem Video: https://www.youtube.com/watch?v=ba4jalujuR0