Umzug nach semiosis.at

Liebe Freundinnen und Freunde meines Blogs,

ich bin mit dem Blog nun auf meine eigene Domain www.semiosis.at umgezogen. Alles Texte von hier sind dort auch zu finden, sowie eine kurze Biografie. See you!

Als nächste Beiträge kommen übrigensTexte über die neue linke politische Kraft razem in Polen (ein Interview) und zur politischen Situation in Polen.

Sebastian

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Genfer Flüchtlingskonvention. Geltendes Recht.

Es gibt kein „Gastrecht“ bei Flüchtlingen und auch keine zeitliche Befristung bei Grund- und Menschenrechten.

„Keiner der vertragschließenden Staaten wird einen Flüchtling auf irgendeine Weise über die Grenzen von Gebieten ausweisen oder zurückweisen, in denen sein Leben oder seine Freiheit wegen seiner Rasse, Religion, Staatsangehörigkeit, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung bedroht sein würde. Auf die Vergünstigung dieser Vorschrift kann sich jedoch ein Flüchtling nicht berufen, der aus schwer wiegenden Gründen als eine Gefahr für die Sicherheit des Landes anzusehen ist, in dem er sich befindet, oder der eine Gefahr für die Allgemeinheit dieses Staates bedeutet, weil er wegen eines Verbrechens oder eines besonders schweren Vergehens rechtskräftig verurteilt wurde.“ Artikel 33

http://www.unhcr.de/mandat/genfer-fluechtlingskonvention.html

Welf. Der schwarze Schatten eines Patrioten.

Warum präsentieren eigentlich alle KandidatInnen zur BundespräsidentInnenwahl in Österreich ein Bewerbungsvideo? Bei einigen wäre es wirklich besser gewesen, sie hätten darauf verzichtet. Bei dem von Andreas Khol zum Beispiel. Es transportiert nämlich keine politische Botschaft. Interessant daran ist das Ungesagte und Ungezeigte. Es kandidiert ein schwarzer CV-Männerbündler und einer der Initiatoren von schwarz-blau.

Das Produkt trägt die Spuren seiner überstürzten Konstruktion zur Schau. Was ist da eigentlich die Botschaft? Ein Mann im schwarzen Anzug – ok, schaut her, präsidiabel! – und grüner Krawatte hampelt aufgeregt im Bild, atmet schnell: „Plötzlich kommt eine Herausforderung auf einen zu, mit der man überhaupt nicht gerechnet hat.“

Das ist tatsächlich alles recht plötzlich zusammengedreht worden. Der Mann steht verloren in einem Zimmer herum. Ein Schnitt hier, ein Schnitt dort. Das Video soll offensichtlich die Botschaft vermitteln: Er kann das schon. Und er ist natürlich furchtbar überparteilich. Im Radio haben sie heute morgen (11.1.2016) sogar berichtet, dass er drei (!) Sprachen spricht.

Interessant an diesem Video ist eher das darin Nicht-Gesagte und Nicht-Gezeigte. Verwiesen wird auf seine Tätigkeit als Nationalratspräsident und im Seniorenbund: „Gerade die Überparteilichkeit habe ich in meiner Funktion als Nationalratspräsident unter Beweis gestellt. 10 Jahre lang war ich ehrenamtlicher Seniorenverterter und habe mit allen zusammengearbeitet und gemeinsam ist vieles für unser Land weitergegangen.“

Nicht gesagt wird: Andreas Khol, der aus der CV-Burschenschaft Raeto-Bavaria (Innsbruck) kommt, war neben Wolfgang Schüssel einer der Architekten der schwarz-blauen Koalition.  Und er war deren überzeugter Ideologe.

Es ging nicht mehr um links gegen rechts, sondern Patrioten gegen vaterlandslose Gesellen.

Vaterlandslose Gesellen ist ein Ausdruck, der im Zusammenhang mit den Bismarkschen Sozialistengesetzen propagandistisch verwendet wurde. Er stammt wohl von Kaiser Wilhelm I. Im Ö1-Interview lobte übrigens der ÖVP-Parteivorsitzende Mitterlehner den Patriotismus von Andreas Khol.

Insofern macht die ÖVP mit dieser Personalie deutlich, dass sie bereit ist, die schwarz-blaue Karte wieder zu spielen. Aber angeblich geht es bei der Bundespräsidentenwahl ja nicht um Politik. Es würden ja nur die Personen zählen …

 

Bundespräsidentenwahl: Politik ohne Politik

„Hej Ho, here we go“ – tönt es bei den einen. Bei anderen ist es ein einfacher smiley und der Kommentar „love“. Verbunden mit der Prognose, dass vanderBellen das Match um den Bundespräsidenten eh spielend gewinnt. Andere wiederum gestehen, dass sie „bezaubert“ sind von dem Kandidaten. Oder auch nur seine politische Kommunikation lieben.

So jedenfalls lauten die Reaktionen linker MeinungsführerInnen auf die Kandidatur des ehemaligen Bundessprechers der Grünen, der jetzt als unabhängiger Kandidat antreten möchte, gesponsert und gepowert von der grünen Medienmaschinerie. – Es herrscht auch auf links die Sehnsucht nach einem anderen, guten Politiker vor. Soweit verstehe und teile ich das. Es kann keineswegs so weiter gehen wie bisher. Was ich aber nicht nachvollziehen kann, ist, dass die richtige Antwort auf die rechte und neoliberale Hegemonie in Österreich darin bestehen soll, dass linke PolitikerInnen emanzipatorische Inhalte und demokratischere Formen von Politik bitte gleich an der Garderobe abzugeben haben, bevor sie die politische Bühne betreten. So wird keine Hegemoniekrise herbei geführt, die die Voraussetzung für eine grundlegende Veränderung wäre, sondern so wird das Gegenteil bewirkt: Alles bleibt, wie es ist, nur noch mehr Menschen sind emotional und interessensmäßig „part of the game“.

Kritik als Teil der Inszenierung?

Kritische Stimmen kamen von der Grünen Jugend. Im Standard war zu lesen, dass  sie die parteiinterne Vorgehensweise der Kandidatur sehr skeptisch sehen (es wäre nicht diskutiert und intern nicht abgestimmt worden), außerdem sei er ein „pseudonabhängiger Kandidat“ mit einem Verein im Hintergrund, der praktischerweise gleich seinen Sitz am Rooseveltplatz bei der Bundespartei hat, und drittens, hat man auch am „professoralen Image“ Van der Bellens und seinen „neoliberalen wirtschaftspolitischen Standpunkten“ einiges auszusetzen.

Die Reaktionen auf diese politische (! ) Kritik waren doch eher erschütternd. Kritik sollte bitteschön intern geäußert werden, außerdem trieben dieses Verwirrspiel mit der Pseudo-Unabhängigkeit alle anderen auch, und schließlich sei das eine Personenwahl, bei der politische Inhalte eh nicht so wichtig seien. Wenn das wirklich stimmen würde, dann macht es auch keinen Unterschied, wenn eine FPÖ-Persönlichkeit an die Spitze des Landes kommt, wenn er/sie nur integer wäre und mit sonorer Stimme einige klug klingende Sätze absondert.

Die politische Figur vanderBellen (den ich persönlich mag, damit das auch klar gestellt ist) fungiert offenbar als eine willkommene Projektionsfläche für eine seltsame politische Stimmung in der Linken in Österreich: nach dem anderen Politiker, der aber eigentlich gar nicht so anders ist; nach der anderen Gesellschaft, in der aber jede/jeder die Privilegien und Positionen von früher behalten darf. Nach einer Veränderung, die sich mehr in der symbolischen Politik auswirkt als auf der Ebene der sogenannten Realpolitik. Nach einem Bruch also, der nichts kaputt machen kann.

Seltsam.

Fotocredit: Das Bild zeigt ein Seychellen-Tigerchamäleon Archaius tigris „Calumma tigris-2“ von Hans Stieglitz – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Calumma_tigris-2.jpg#/media/File:Calumma_tigris-2.jpg

 

 

Wie aus dem Märchen: Der gute Patriarch. Der gemäßigte Patriot

Nun wird es auch bei den anderen schnell gehen müssen. Alexander vanderBellen hat seine Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten angekündigt. Sein Bewerbungsvideo gibt einen ersten Einblick in das Design der Kampagne. Die Medienmenschen schneidern ihn zum guten Patriarchen und gemäßigten Patrioten.  Eine kurze Analyse.

Nun. Es ist recht offensichtlich. Auch die versteckten Botschaften dieses Videos springen ins Auge. Österreich soll ein neues Oberhaupt bekommen: väterlich, freundlich jovial – das alles mit einem Augenzwinkern.

Szene 1
Es geht die Rampe am Parlament hoch, vdB wird dabei von hinten gefilmt, mit dem Satz „Österreich liegt mir am Herzen“ spricht der Professor gleich mal die emotionale Seite von Politik an. Begleitet wird er von sich langsam steigernder, ruhiger Klaviermusik.
Nach 15 Sekunden sehen wir sein Gesicht, es ist wie immer unrasiert und die Botschaft soll sein:  Achtung: authentisch!
Szene 2
Er steht vor der Tafel der Menschenrechte: „Jeder Mensch hat das Recht in Frieden und Würde zu leben. Menschenrechte, an die glaube ich.“
Erwartbar folgt der bürgerliche Stehsatz, es gibt aber auch Pflichten, den jeder/jede Jugendliche ich weiß nicht wie oft gehört hat: „Ich glaube aber auch an bestimmte Menschenpflichten“ – die stehen aber nicht an der Tafel -, „darauf zu schauen, dass die Menschenrechte auch in Zukunft garantiert sind“. Jedenfalls gibt ihm, in der Erzählung des Videos, diese Tafel (!) den Auftrag zur Kandidatur.
Szene 3
Dann steht der Mann alleine an der Parlamentsfront und weiß nicht so recht, wohin mit seinen Füßen.
Szene 4
Der Mann geht die Rampe hinunter, in die Stadt, zu den Menschen. Damit wird die Erzählstruktur des Videos an die eines Märchens angenähert, deren einzelne Sequenzen Vladimir Propp Narrateme nennt: Der einsame Held erhält seinen Auftrag (Die heilige Tafel) und geht damit hinaus zu den vielen anderen. Dann erlebt er zahlreiche Abenteuer und muss mit bösen Mächten (Adversanten) kämpfen, für die er Helferlein benötigt (das sind die Adjuvanten). Und diese geht er nun, im Video natürlich, suchen.
Szene 5
Er sucht auf den Straßen und auf einem Markt: „Ich möchte sie einladen mitzutun“, glücklicherweise sind die Helferlein bereits da, sie sind zwar seltsam stumm, und Gespräche werden nur imitiert. Lachende, zustimmende Menschen scheinen die Unterstützung für den Helden zu signalisieren. Natürlich braucht es auch lachende Kinder. Die Zukunft. Herrje! Dann sagt die sonore Stimme auch schon: „mitarbeiten an einer hellen Zukunft – aha, die helle Seite der Macht, er ist ein guter Held, ein guter Held! – „in der wir die Ängste und Sorgen, zugegeben, mit Mut und Zuversicht überwinden.“ Ich hätte ja die dunklen Mächte auch gerne kennen gelernt.

Szene 6
Jetzt ist er wieder alleine, im Wald im Herbst. „Lassen sie uns ein Stück des Weges gemeinsam gehen.“ – wer erkennts? Ja, ein verstecktes Kreisky-Zitat – „lassen sie uns an Österreich glauben“ – hier ein seltsamer Kameraschwenk in den grauen Himmel -„an die Kraft, Schwierigkeiten und Krisen zu meistern.“ Der Sprecher appelliert hier an die gute nationale Vergangenheit: Früher ist uns das noch jedes Mal gelungen.
Szene 7, Achtung: Höhepunkt!
Die Musik steigert sich leicht. Der Sprecher verweist auf die Bundeshymne. „Mutig in die neuen Zeiten!“ Ein nationaler Appell, aber mit einem Lächeln. „Na, gefällt mir!“
Szene 8, Bild wird kurz schwarz, Achtung: Finale!
„Mein Name ist van der Bellen. Ich kandidiere für das Amt des Bundespräsidenten der Republik Österreich. Und bitte Sie um ihr Vertrauen und ihre Unterstützung. Danke!“

Den Wahlkampf  um das höchste politische Amt in Form von Narratemen aus den Zaubermärchen zu erzählen (daher der doch optisch nicht besonders ansprechende kahle Wald im Bild), mag medientechnisch gut sein. Immerhin soll es ja um die Person gehen. Die Person ist so wichtig, und es soll keine Person wie du und ich sein. Dass ein Kandidat wie vdB bewusst die populäre Sehnsucht nach einem guten Führer  des Landes füttert, mag ebenfalls medientechnisch gelungen sein. Politisch ist die Botschaft: Ihr wollt also einen guten Patriarchen? Wir geben ihn euch, und einen gemäßigten Patrioten dazu!

Gibt es dazu wirklich keine Alternative?

Nachtrag 10.1.2016: „Ich bin ein liberaler Politiker mit grüner Vergangenheit.“ vdB auf seiner Pressekonferenz.

Fotocredit: Still aus dem Video: https://www.youtube.com/watch?v=ba4jalujuR0

„Der normale Mann – das ist der potentielle Faschist“

Ein Gespräch mit Klaus Theweleit

Faschismus ist – nicht nur, aber doch überwiegend – eine Männersache. Europaweit sind die Wähler extremer rechter Parteien überwiegend männlich, die Neo-Nazi Szene ist nicht nur demographisch männlich geprägt, auch ihre Gewaltrituale haben ein Macho-Gepräge.
Nicht zuletzt beschreibt sich der rechte Massenmörder Anders Behring Breivig, der im Juli 2011 in Norwegen 77 überwiegend jugendliche Teilnehmer eines Jugendlagers ermordet hatte, in seinen Rechtfertigungen dieser Tat als ein „Tempelritter“ im Kampf gegen „Kulturmarxismus und Feminismus“.
„Breivig ist ein frei flottierender SS-Mann. Er lehnt Weiblichkeit und Sexualität ab, und die Gewaltausübung ist seine Lebensform“, so die Analyse des Kulturtheoretikers Klaus Theweleit, die sich auf dessen Verteidigungsrede und sein im Internet veröffentlichtes Manifest bezieht.

Mit Klaus Theweleit habe ich 2012 gesprochen. Der Text ist bislang noch nicht erschienen.

Deine These ist, dass der normale Mann der potentielle Faschist ist. Warum?

Wenn man alles zusammen sammelt, was einem sogenannten normalen Mann gehört, dann hat man ungefähr die Beschreibung eines mittleren Faschisten: Herrschaftsausübung, Frauenunterordnung, Autorität.
Faschismus ist für mich aber keine Ideologie, sondern er besteht aus Verhaltensweisen, er ist eine Form und eine Art und Weise, Realität herzustellen. Und das machen einzelne Körper nach Maßgabe dessen, was in sie eingegangen ist, was sie in sich haben an Möglichkeiten, mit der Realität umzugehen.
Der Mann verlangt von sich, oder von ihm wird verlangt, dass er, wie das schön heißt, Herr der Lage ist. Herr der Lage zu sein heißt, du bist Kommandeur. Wenn du das entsprechend auslebst, dann bestimmst du, was die Frau zu machen hat, was die Kinder zu machen haben, in welcher Gesellschaftsform man lebt, wie die Schule zu sein hat, wie das Haus, in dem man wohnt, wer für die Miete aufkommt, alles das zusammen, ganz zivil, macht eben einen Faschisten aus – very simple.

Zum Faschisten gehört aber auch eine bestimmte Art der politischen Organisation, eine bestimmte politische Formation.

Faschisten, das meine ich hier in Anführungszeichen. Deshalb ist es ja der Normalmann, wir haben ja nie 90 Prozent der Leute, die in Formation auf der Straße herum laufen und Knüppel schwingen und Springerstiefel anhaben. Das ist halt eine zugespitzte Form. Der normale Faschist ist der mittlere Rechte, der Rechtsextremist ist der, der explizit Gewalt ausübt.
Das tut der mittlere normale Faschist nicht, der übt eine zivile Gewalt aus, eine kalte Gewalt. Nicht mit Knüppel, Waffe, Gewehr, sondern indem er auf eine ganz bestimmte Art und Weise seine Umgebung unterdrückt, und das für normal hält. Er unterdrückt nicht in seinem Bewußtsein, sondern er gibt den Leuten vor, was sie zu tun haben. Das ist nur für den anderen Unterdrückung. Der Unterdrücker behauptet meistens von sich, dass er nicht unterdrückt. Er hält das schlicht für normal, was er macht. Das gehört für den normalen Faschisten dazu, dass er nicht erkennt, dass er der Normalfaschist ist. Er denkt, dass er sich normal verhält.

Wie geht das vor sich, dass aus diesen normalen rechten Männern Faschisten werden, also nicht individuell, sondern, wenn das eine Gesellschaftsform wird?

Wenn sie die Möglichkeit haben, über die Gesellschaftsform die Macht, die sie in diesem Bereich haben, auszudehnen, dann nehmen sie das in der Regel wahr. Jemand, zu dessen Struktur es gehört, Macht auszuüben, der ist immer an Machtzuwachs interessiert. Denn nur Leute, die nicht Macht ausüben, sind daran überhaupt nicht interessiert.
Es gibt soziale Differenzen in der Köperlichkeit, die das ganze Verhalten bestimmen, Muster, es gibt Körper, die Lust daran haben, Macht auszuüben, und andere Körper, die haben gar keine, die haben etwa Lust, Beziehungen aufzubauen, was von Leuten zu erfahren, Zusammenhänge herzustellen oder eine schönere Realität herzustellen.
Eine schönere Realität für den Normalmann ist, dass alles funktioniert. Und zwar so, wie er es in etwa vorgibt. Dass die Leute Macht ausüben hält er für zivil, für zivilisiert. Auf die Idee, dass man auch ganz anders denken könnte, zum Beispiel, dass es das viel schöner wäre, das, wenn nicht alles funktioniert, Zusammenhänge zu verwirren zum Beispiel, weil sich Leute dabei besser erfahren oder auf andere Ideen kommen und etwas ganz Neues entdecken. Darauf kommt der Normalmann nicht. Der hält sein Funktionieren für human; normal eben.

Fotocredit: „KlausTheweleitP1050269“ von manfred.sause@volloeko.de – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:KlausTheweleitP1050269.JPG#/media/File:KlausTheweleitP1050269.JPG

Köln. Verschiebung und Verdichtung phallischer Macht

9.1.2016. Die Polizeiforscherin Rita Steffes-enn führt auf watson.ch aus, dass die sexuelle Belästigung in der Silversternacht in Köln als Strategie eingesetzt wurde, um die Diebstähle zu realisieren. Also, die phallische Macht wurde mit Absicht benutzt, um an die Handys und Wertsachen zu kommen. Der männliche Lustgewinn war dabei nur ein Bonus. Ich finde ihre Argumentation recht überzeugend. Wenn sich das in den Ermittlungen der Polizei erhärtet, dann haben wir es a) mit organisierter Kriminalität zu tun, bei der sexuelle Gewalt gegen Frauen bewusst eingesetzt wird, und b) ist dann mein Vergleich hier mit dem Oktoberfest insofern hinfällig. Aber auch die gesamte Debatte ist damit besides the point. Die Leiden der Opfer werden dadurch allerdings nicht weniger.

8.1.2016. Eigentlich wollte ich mit einer Stellungnahme zur exzessiven Gewalt gegen Frauen in der Silvesternacht in Köln warten, bis es mehr und genauere Informationen über die Herkunft der Täter gibt. Waren das Flüchtlinge? Männer nordafrikanischer Herkunft (Marokko, Tunesien – also nicht Syrien)? Stark alkoholisierte Moslems (!)? Polizei bekannte Intensivtäter und trotzdem Flüchtlinge, die erst vor kurzem nach Deutschland gekommen waren? Bei diesen kolportierten Zuschreibungen passt eigentlich nichts zusammen, zudem wird noch weiter ermittelt. Doch gerade die Wucht der öffentlichen Bilder und Berichte  zwingt diejenigen dazu, sich zu äußern, die in ihrer wissenschaftlichen Arbeit die verschiedenen Facetten von Rassismus analysieren und die sich in ihrer politischen Arbeit gegen Rassismus wenden und sich für Flüchtlinge engagieren. Zu diesen Menschen gehöre ich. Denn aus dem Gewaltexzess gegen Frauen wird ein politischer Schluss gezogen: Zuwanderung beenden! tönt es von vielen Seiten. Und man habe es ja sowieso gewusst: Die fremden Männer seien sowohl besonders aggressiv als auch besonders triebgesteuert.   

Gewalt gegen Frauen – egal ob sexualisiert wie dies in Köln der Fall war, oder nicht-sexuell konnotiert – ist ein Verbrechen. Sexuelle Gewalt gegen Frauen aus einer Gruppe von Männern heraus (wie viele waren es eigentlich? 10?, 50? 100?) an einem öffentlichen Ort degradiert die Frauen zudem öffentlich als Objekte männlicher Lust und Macht. Diese Erniedrigung wird coram publico inszeniert, sie wird für viele sichtbar: ein Exzess phallischer Macht, wie er bei öffentlichen Feierlichkeiten ausbrechen kann, etwa auf dem Oktoberfest, an Fastnacht oder bei Zeltfesten – das hat meiner Meinung nach in der Silvesternacht in Köln stattgefunden. Solche  Exzesse sind aber nicht das typische Merkmal einer bestimmten Religion oder einer regionalen Kultur, sondern sie sind Ausdruck einer faschistischen Männlichkeit. Die Erniedrigung und Geringschätzung der Frau und ihre gleichzeitige Erhöhung (die Männerfantasien von der Hure und der Heiligen, so Klaus Theweleit) formen eine gewaltsame Besessenheit gegen den weiblichen Körper. Der faschistische Mann ist mit dem Nationalsozialismus keinesfalls verschwunden. Und er muss auch keinen deutschen Pass bei sich tragen.

Was nun in unserer medialen und Social-Media Welt in diesen Tagen vor sich geht, ist eine Verschiebung und Verdichtung hin zu einer bestimmten regionalen Kultur und Religion. „Der“, „arabische“, „islamische“ Mann würde diese faschistische Männlichkeit wieder nach Europa bringen, sie praktisch Re-Importieren. Er brächte eine Männlichkeit mit, von der sich die deutschen Männer längst emanzipiert hätten. In der Rassismusforschung ist diese Technik seit langem bekannt und analysiert. In rassistischen Redeweisen werden die eigenen negativen Eigenschaften abgeschoben und den sogenannten „Fremden“ angehängt. In einem Zug wäscht man sich selber rein, und macht den anderen schmutzig. Genau diese rassistische Umdrehung passiert gerade. Das bayrische Oktoberfest, bei dem etwa 2012 die Frauennothilfe beklagte, sie stoße wegen der vielen sexuellen Übergriffe an die Grenzen ihrer Kapazitäten, mutiert nun zur Kölner Silvesternacht, der Massenaufmarsch der rechtsextremen Hogesa mit einem massiven Gewaltausbruch im Jahr 2014 am Kölner Hauptbahnhof wird von den jüngsten Ereignissen aus der kollektiven Erinnerung verdrängt, und die eigenen, sexualisierten Gewaltfantasien werden auf die anderen Männer aus dem „anderen Kulturkreis“ projiziert.

Rassismus bedient sich dabei auch der bewussten Manipulation, besonders in der leichtgläubigen Welt der sozialen Medien zirkuliert die rassistische Propaganda ultraschnell und emotional wirksam. In den vergangenen Tagen habe ich in den sozialen Medien mehrfach folgendes Bild gesehen:

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Social-Media Hetze: Quelle: mimikama.at

Es sollte beweisen, dass in Köln Flüchtlinge die Täter gewesen sind. „Das Bild sagt mehr als 1000 Worte“, so lautet der erläuternde Text. Wie mimikama.at aufgezeigt hat, ist dies eine plumpe Fälschung. Denn das Foto ist weder in Köln noch in der Silvesternacht aufgenommen worden, sondern im September 2015 am Budapester Bahnhof. Es zeigt einen Streit von Migranten am Rande einer Demonstration, auf der diese die Weiterreise verlangt haben. Und die Person in der Mitte, die wie eine Frau erscheinen mag, ist ein Mann mit langen Haaren. Auf der emotionalen Ebene wirkt dieses Foto sofort, es verbreitet Angst und schürt Panik. „Seht her, da sind die fremden, bösen Männer sichtbar.“

Patriarchale Muster wirken selbstverständlich in allen patriarchalen Kulturen, und das verbindet die arabische Welt mit der europäischen, das verbindet auch die katholische Welt mit der islamischen, wo jeweils Frauen keine segnenden Ämter ausüben dürfen. Und ein deutscher oder ein österreichischer normaler Mann ist genauso in der Lage,  Frauen sexuell zu attackieren, zu begrapschen, zu erniedrigen oder zu vergewaltigen, wie dies ein arabischer oder ein indischer Mann ist. Dabei handelt es sich keineswegs um die Eigenheit einer einzelnen Kultur. So weist die Statistik für Österreich für das Jahr 2014 genau 4216 angezeigte Sexualdelikte in Österreich aus, von den 3511 Tatverdächtigen waren 123 Asylwerber. Mehr als 96 Prozent der Verdächtigen sind also keine Flüchtlinge gewesen. Bei den 1330 angezeigten sexuellen Belästigungen in Österreich waren von 834 Tatverdächtigen 39 Asylwerber. Auch hier haben rund 95% der Verdächtigen keinen Flüchtlingsstatus.

Von daher sind die – vielleicht gut gemeinten – Ratschläge an Frauen, wie sie sich angesichts der vielen fremden Männer im Land zu verhalten haben, Teil des Problems. Sie verstärken den rassistischen Furor. Die Adressaten der Ratschläge sollten vielmehr alle Männer sein: Ihren Selbstentwurf als Mann in dieser Welt – und damit auch ihr Frauenbild zu ändern sowie patriarchale Machtstrukturen in ihren Ländern und Kulturen zu hinterfragen.


 

P.S.:  Testosteronüberhang bei Flüchtlingen. Im Oktober 2015 habe ich als Studiogast eine Puls4-Diskussionssendung vor Ort gesehen. Eingeladen war Gregor Gysi, und an der Diskussionsrunde zu Themen europäischer Politik nahm auch die Wissenschaftlerin Karin Kneissl teil. Sie wurde aus dem Publikum heraus auf ihre These angesprochen, dass der Testosteronüberschuss der jungen Männer, die nach Europa kämen, ein Problem darstellen würde. Wie in dem Video der Sendung nachverfolgt werden kann, kam diese Frage von einem jungen Mann, der ein bekannter neurechter Identitärer in Österreich ist. In einem Pressekommentar vom 3. Oktober 2015 hatte Kneissl kurz zuvor wie folgt argumentiert:

Ein inneres Zusammenwirken zwischen Testosteron und Status haben Mediziner in zahlreichen Studien immer wieder bestätigt. Unabhängig von der Sicht auf das Testosteron – ob negativ als das „Hormon für Aggression und Dominanz“ oder eher positiv als das „Hormon der Fürsorge und Verantwortung“ – es geht stets um Status. Und es sind nicht zuletzt wiederum die Frauen, die Männer mit bestimmtem Status beziehungsweise potenziell erfolgreichem Lebensweg auswählen, um ihre Nachkommenschaft versorgt zu wissen.“

Das Testosteron-Argument basiert auf einer komplett biologisierten Weltsicht. Sie bezieht sich folgerichtig im weiteren auch auf die „uralten, von der Evolution vorgegebenen Rollenbilder“, denen die jungen Männer aus Syrien anhängen würden, weshalb sie auch „ihre Sippe“ nachholen würden. Projiziert wird hier, dass es in Syrien noch ein völlig funktionierendes Patriarchat geben würde, während im Westen Europas die Frauenemanzipation und der Liberalismus die evolutionär vorgegebenen Rollenbilder zerstört seien.

Das Argument der ungezügelten Sexualität war von den neurechten Intellektuellen schon vorbereitet worden, Kneissls Buch zu dem Topos erschien bereits 2012. Der neurechte Thomas Schmid war kurz bereits Anfang der Woche mit einem entsprechenden Beitrag online.